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Dieser Artikel von Roy Bruhn ist in der Zeitschrift "Der Auftrag" (Ausgabe Dezember 2001) erschienen. Die Veröffentlichung auf unserer Homepage geschieht mit freundlicher Genehmigung des Verlags.


Ring mit Risiken

Der Fantasyklassiker "Der Herr der Ringe" kommt in die Kinos

20. Dezember 2001. Pünktlich zur umsatzstarken Weihnachtszeit kam der 1. Teil der aufwendigen Neuverfilmung von "Der Herr der Ringe" in die Kinos. Teile 2 und 3 werden im Abstand von je einem Jahr folgen. Die Romanvorlage gilt mit einer Weltauflage von 50 Millionen Exemplaren als meistverkauftes Buch nach der Bibel. Was kommt da mit dieser "Ring-Renaissance" auf uns und unsere Kinder zu?

Der Autor dieser Erfolgsstory, John Ronald Reuel Tolkien, prägte mit der Erschaffung seines phantastischen Epos "Der Herr der Ringe" das gesamte Fantasy-Genre. In Tolkiens erfundener Welt "Mittelerde" leben neben Menschen auch Hobbits, Elben und Orks, um nur einige zu nennen. Es gibt gute Zauberer, dunkle Herrscher und magische Ringe. In seinem Kinderbuch "Der kleine Hobbit" wird eben einer dieser Ringe von einem Hobbit gefunden. Ein Ring, der unsichtbar macht. Nett und kindgerecht werden mit diesem Zauberding allerlei Abenteuer erlebt und bestanden. Was es allerdings mit dem Ring wirklich auf sich hat, wird erst in "Der Herr der Ringe" verraten. Diese Geschichte ist nun alles andere als drollig und wird daher auch nicht mehr für Kinder, sondern eher für Erwachsene erzählt.

Klare Fronten
Tolkien gilt als Schriftsteller mit christlichem Hintergrund. Wie sein Freund C. S. Lewis war er Mitglied der Inklings, einem christlich geprägten Kreis von Schriftstellern, die sich in Oxford aus Freude an guter Literatur trafen. Nach Tolkien ist der Mensch kreativ, weil er nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Auf dieser Grundlage kann er Geschichten erfinden, die ohne direkte Analogien zu biblischen Wahrheiten auskommen. Tolkien lehnt es ab (anders als Lewis, der auch für seine gleichnishafte Narnia-Saga bekannt ist), biblische Botschaft einfach in Form von Fantasy zu verpacken. 1 Dennoch lässt "Der Herr der Ringe" auch seine Grundhaltung erkennen:

"Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden" - So lautet die Inschrift des zweifelhaften Schmuckstücks. Er wurde von dem bösen Herrscher Sauron geschaffen, der in ihn einen Teil seiner dunklen Macht legte. Jeder, der sich dieser Macht bedient, wird von ihr beeinflusst, nämlich geknechtet und gebunden. Eindrücklichstes Beispiel ist hier die Figur Gollum. Er war mehrere hundert Jahre im Besitz des Rings. Als Nebenwirkung wandelte sich Gollum, übrigens ehemals ein Hobbit, in ein widerliches Wesen mit "schwarzem Herzen". Doch das ist im Buch Vergangenheit. Aktuell besitzt der Hobbit Frodo den Ring. Er und seine Gefährten haben den Auftrag, diesen zu zerstören, um somit die wachsende Macht Saurons zu brechen. Dies ist, wie sich herausstellt, alles andere als einfach. Denn der verführerische Einfluss des Rings geht auch an Frodo und seinen Begleitern nicht spurlos vorüber. Sie müssen der Versuchung widerstehen, den Ring für ihre eigene, im Grunde gute Sache zu gebrauchen, und haben die Wahl zwischen Gut und Böse.

So sind die Fronten klar: es gibt ein Gut, es gibt ein Böse. Und auch der edelste Zweck heiligt nicht die Mittel. Wer um den Hintergrund Tolkiens weiß, für den sind die christlichen Grundsätze im "Herrn der Ringe" unübersehbar.

Tolkien unter esoterischem Vorzeichen?
"Der Herr der Ringe" erschien erstmals 1954, "Der kleine Hobbit" sogar schon 1937. Es war eine Zeit, in der man eher mit atheistischem Gedankengut konfrontiert wurde. Die enorme Popularität des Phantastischen war nicht abzusehen. Doch inzwischen sind seit vielen Jahren sogenannte Rollenspiele wie das klassische "Dungeon & Dragons" oder "Das schwarze Auge" ein beliebter Freizeitspaß. Ob mit Spielkarten, als "Live"-Version (also mit echten Darstellern in echter Umgebung) oder Computer-Adventure - bei Rollenspielen kann man in die Welten der Zauberer, Zwerge und Elfen eintauchen und sich fast beliebig lange darin aufhalten. Ein Besuch bei einschlägigen Fachgeschäften lässt die Nachtigall trapsen hören: Düstere Masken, geheimnisvolle Symbole, Totenkopf und Zauberfibel wecken hier wohl nur bei Hartgesottenen wohlige Gefühle. Immerhin, die Ähnlichkeiten zu Tolkiens Welt bleiben im fiktiven Bereich.

Anders, wenn sich die Motive und Figuren des Ring-Universums mit esoterischen Weltanschauungen überschneiden. Freunde keltischer und nordischer Mythologie puzzeln sich aus alten Überlieferungen und neuer Modespiritualität ihre eigenen Wahrheiten zusammen. In Extremfällen geht dann die Fantasy mit der Realität groteske Allianzen ein: Von wirklichen Begegnungen mit Elfen und ähnlich illustren Waldgeistern ist da die Rede; Gnome, Trolle und Zwerge sind hier keineswegs reine Ausgeburten der Phantasie. Wie bei anderen esoterischen Fachgebieten sind freilich nur Eingeweihte mit dem verborgenen Wissen um diese heimlichen Existenzen vertraut.

Was die einen als Spinnerei abtun, lässt bei anderen die Alarmglocken schlagen. Auch die Bibel kennt eine unsichtbare Welt, mit der aber nicht zu spaßen ist. Vor Kontaktaufnahme mit Geistwesen wird hier gewarnt; Zauberei, Wahrsagerei und Totenbeschwörung sind verboten. Tolkien unter esoterischem Vorzeichen - da können sich einem schon die Nackenhaare aufstellen.

Keine neue Hexenjagd
Was jedoch passieren kann, wenn Christen unreflektiert auf "Hexenjagd" gehen, zeigt das Beipiel "Harry Potter". Die Auseinandersetzung mit dem Thema "Schmuse-Okkultismus im Kinderzimmer" trieb seltsame Blüten. Die bis dato unbescholtene Autorin J.K.K. Rowling wurde satanistischer Praktiken bezichtigt. Kinder unter dem Einfluss der Potterbücher rebellierten angeblich in der Sonntagsschule. Nur allzu eifrig wurden diese Nachrichten unter Christen verbreitet, bis eine christliche Zeitschrift auf die Idee kam, nach den Quellen dieser Behauptungen zu suchen. 2 Man wurde fündig: Ausgerechnet ein Satiremagazin gilt als Urheber dieser somit erfundenen Geschichten. Peinlich, dass die fromme Masse Ironie nicht als solche erkennt und sich_damit selbst vorführt. Einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Sachthema nützt das nicht, es schadet nur.

Deutung offen
Die "Der Herr der Ringe"-Verfilmung wird der Fantasypopularität neuen Auftrieb geben. Schon seit einem guten Jahr wird die Werbetrommel gerührt; und wenn die Vorschau-Trailer halten, was sie versprechen, steht uns ein Fantasy-Spektakel mit Massenpublikum bevor. Grund genug für eine rechtzeitige Auseinandersetzung mit der Thematik, um nicht wie im erwähnten Fall "Harry Potter" sich selbst ein Bein zu stellen. Angesichts des Wissens um die Realität und Gefahren okkulter Mächte haben Christen die Verantwortung, Stellung zu beziehen und Meinung mitzubilden.

Bei allen berechtigten Vorbehalten darf jedoch nicht vergessen werden, dass Fiktion niemals die Realität abbildet. Tolkien selbst rechnete mit einem Leser, der den Geschichten eigene Deutungen gibt. Ein Beispiel: Stirbt im Ring-Epos der Zauber Gandalf und kehrt als Lichtgestalt wieder, könnte man darin das Motiv der Auferstehung Christi sehen oder aber es als billiges Nachäffen des Evangeliums unter esoterischen Vorzeichen kritisieren, wie es angesichts der heutigen New-Age-Subkultur naheliegen könnte.

Die Chancen nutzen
Für welche Interpretation man sich auch entscheidet: Es kann nie falsch sein, sich mit den aktuellen kulturellen Einflüssen vertraut zu machen. Gerade Christen mit der "Guten Nachricht" sollte es ein Anliegen sein, dass ihre Botschaft gehört wird. Für gegenseitiges Verstehen ist oft die Klärung des gemeinsamen Vokabulars entscheidend. Nicht selten leben Gläubige jedoch in einem selbst geschaffenen Kulturexil, das dem Vorbild Jesu nicht gerecht wird.

Nüchternheit und Urteilsvermögen sind angebracht, ganz nach dem Rat des Paulus "Prüft alles und das Gute behaltet" (1 Thes 5,21). "Der Herr der Ringe" ist voll von Darstellungen geistlicher Wahrheiten: Kompromissloser Umgang mit dem Bösen, uneigennützige Opferbereitschaft zum Wohl anderer, Versuchungen, die überwunden werden. Es wäre schade, diese Schnittstellen zur Welt anders denkender Mitmenschen nicht zu nutzen. Man mag Risiken im Umgang mit Stoffen wie "Der Herr der Ringe" sehen, doch wer sich an Paulus´ Vorschlag hält, wird vor allem eines nicht verpassen: die Chancen!


Der Film

Die Erwartungshaltung an die Neuverfilmung ist enorm. 1978 wurde bereits ein Versuch unternommen, diesen komplexen Stoff auf Zelluloid zu bannen. Ein eher als verunglückt geltendes Ergebnis hat die Fans enttäuscht. Das soll nun anders werden. Mit einem finanziellen Aufwand von 650 Millionen Dollar für alle drei Teile handelt es sich um eine der teuersten Filmproduktionen überhaupt. Nur die neue Star-Wars-Triologie kostete bisher mehr. Das Drehbuch soll sich sehr eng an die Romanvorlage halten. Bei der Besetzung wurde auf Publikumsmagneten aus Hollywood weitgehend verzichtet. Drehort ist Neuseeland mit seinen unverbrauchten Landschaften.

Den Regisseur Peter Jackson, gleichzeitig auch Drehbuchautor, umgibt ein Hauch ganz eigener Exklusivität. Der Neuseeländer ist im Gegensatz zu seinem Heimatland bei uns nahezu unbekannt. Jackson lässt sich in keine Schublade zwängen. Ein Vergleich mit seinen bisherigen Werken zeigt, dass er mit "Der Herr der Ringe" wieder neues Land betritt. Die Filme wie z. B. "Bad Taste" (Aliens verhökern Menschenfleisch), "Hirntot" (Zombie-Splatter-Movie) und "Heavenly Creatures" (ein Thriller basierend auf einen realen Kriminalfall) wurden von Kritikern zwar gelobt, besetzen jedoch eher Nischen in der bunten Kinowelt. Auch wenn "Der Herr der Ringe" mit solchen Genres nichts gemein hat, scheint die Rechnung von unkonventionellem Mainstreamkino aufzugehen - aber sehen Sie selbst!


Anmerkungen:
1 Vorwort des Autors zur zweiten Ausgabe des "Herrn der Ringe", 1966.
2 dran Nr.1/2001.


Roy Bruhn Roy Bruhn ist ehrenamtlicher Mitarbeiter unserer Gemeinde und geht gerne und oft ins Kino.

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